auf Inhaltsverzeichnis


Ecclesia und Synagoga - feindliche Schwestern?

Gedanken zu einer Ausstellung

In und an mittelalterlichen Kirchen findet man häufig zwei Frauengestalten: Ecclesia, die das Christentum repräsentiert, und Synagoga als Symbol für den jüdischen Glauben. Meistens nimmt Ecclesia gegenüber Synagoga eine triumphierende Haltung ein. Über den Augen der Synagoge liegt dagegen nicht selten eine Binde oder ein Schleier als Hinweis auf die angebliche Blindheit des Judentums gegenüber der biblischen Botschaft. Neben diesen beiden von christlichen Künstlern und Theologen als unebenbürtig deklarierten Frauenfiguren gibt es in der christlichen Kunst noch unzählige andere, das Judentum diffamierende Darstellungen, zum Beispiel die Judensau oder den hässlichen Juden, dessen äußere Verunstaltung ein Abbild seiner inneren Verstocktheit oder seelischen Verworfenheit sein sollte. An all diesen Bildern und Gleichnissen in der Kunst und in der Literatur ist der Heilige Augustinus, der bedeutendste Kirchenlehrer des Abendlandes, nicht ganz unschuldig. Hat er doch mit seiner, weit über das Mittelalter hinaus reichenden Formel von der Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu das Fundament für die immer wiederkehrenden ikonographischen Stereotypen geschaffen, zu denen eben auch die Gegenüberstellung von siegreicher Kirche und gedemütigter Synagoge gehört. Der Alttestamentler Erich Zenger sieht in den antijüdischen Aussagen und Darstellungen heute nicht nur ein theologisch vernichtendes Urteil über das Judentum, sondern zugleich eine Aussage der Kirche über sich selbst. Da diese, schreibt er in seiner Studie "Das Erste Testament-Die jüdische Bibel und die Christen", triumphalistisch gedacht und sich absolut gesetzt habe, sei sie für das Geheimnis Israels blind geworden und damit schuldig an den Juden und dem Auftrag, gemeinsam mit Israel Zeugnis von der lebendigmachenden Liebe Gottes abzulegen. Für den christlichen Prediger oder Exegeten sei es in der Vergangenheit nahezu unmöglich gewesen, meint Zenger weiter, schriftgemäß zu lehren, ohne auf die antijüdische Thematik zurückzugreifen, so dass die judenfeindliche Polemik geradezu zur Kehrseite der christologischen Hermeneutik geworden sei. Dabei hätten die antijüdischen Ausfälle der Christen und Theologen auf einem eindeutig falschen Textverständnis beruht.

Das durch eine lange Geschichte von Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung geprägte Verhältnis der Christen gegenüber den Juden fand, wie oben angedeutet, seinen sichtbaren Niederschlag in der antijüdischen Sprach- und Bildsymbolik, zunächst vereinzelt vom 4.Jahrhundert an in der Literatur, dann seit der Mitte des 9.Jahrhunderts zunehmend in der bildenden Kunst. Wie sehr gerade das variantenreiche Auftreten der beiden allegorischen Frauenfiguren Ecclesia und Synagoga in Gestalt, Gestik, Zuordnung und in den ihnen beigegebenen Attributen die jeweiligen zeitgenössischen Verhältnisse zwischen Juden und Christen und ihren beiden Glaubensrichtungen aus der Sicht der christlichen Kirche widerspiegelt, das zeigt sehr deutlich die Ausstellung "Ecclesia und Synagoga-Antijudaismus in der christlichen Kunst", die, nach Saarbrücken und Essen, auch in der westfälischen Kleinstadt Arnsberg zu sehen war. Über siebzig Bild- und Texttafeln aus der Zeit zwischen dem 10. und dem 16. Jahrhundert stellen die einzelnen Stationen der Ausgrenzung und Verteufelung der Synagoge dar. Die ersten Bilder werden noch von der Idee der Concordia beherrscht. Ecclesia und Synagoga stehen hier friedlich nebeneinander, sind gleich groß und wirken fast gleichberechtigt. Noch fehlen die äußeren Zeichen einer über die Synagoge triumphierenden Ecclesia. Noch gilt das Wort von Walther von der Vogelweide aus seinem "Lob Gottes": "IHM dienen Christen, Juden und Heiden." Noch wird die Synagoge nicht geschmäht, noch sind beide Glaubenssymbole Glieder einer höheren, wenn auch fragilen Einheit und stellen, frei von jedem Missverhältnis, lediglich die zeitliche Abfolge, den Stufenbau der Offenbarung dar, Synagoga als deren Vorläuferin und Ecclesia als deren Erfüllung. Christus in seiner Eigenschaft als Sohn der Synagoga und Bräutigam der Ecclesia erscheint als Garant der Einheit des Alten und Neuen Bundes. Allerdings bahnt sich, auch wenn ihre Zusammengehörigkeit noch betont wird, der Konflikt untergründig schon an. Die Repräsentantinnen werden wohl unter dem Kreuz Christi zusammengerufen, sind aber gleichzeitig durch dieses voneinander geschieden.

Das 9.Jahrhundert freilich, in der die Karolinger herrschten, gilt als goldenes Zeitalter der Juden. Karl der Große war ihnen wohl gesonnen. Seine christlichen Gefolgsleute hatten zu jüdischen Gemeinden ebenfalls ein recht gutes Verhältnis. Manche von ihnen sahen im Judentum sogar eine attraktive Religion. Daraufhin ging die Kirche, die immer noch um ihre Existenz fürchten musste, zum Gegenangriff über. Sie verbot ihren Gläubigen den Umgang mit Juden und begann Missionisierungskampagnen. Davon künden sogenannte Altercatio-Bilder, auf denen Ecclesia und Synagoga miteinander im Streitgespräch befangen sind. Auf einer Elfenbeintafel des Bamberger Domschatzes, die um 850 geschnitten und später von Heinrich II. zum Buchdeckel des kostbaren Evangeliars bestimmt wurde, tritt die Entfremdung der beiden schon unverstellt zutage. Mehr und mehr macht Ecclesia, selbstbewusst und unverblümt, ihren Herrschaftsanspruch über Synagoga und alle Völker geltend. Ferner tauchen Bilder auf, auf denen sich Synagoga offenen Auges vom Kreuz abwendet, aber ihre Lanze oder ihr Banner noch hochhält. Doch nach den Beschlüssen des 4. Laterankonzils von 1215 und mit der Intensivierung der religiösen, sozialen und ökonomischen Unterdrückung wird sie fast nur noch mit zerbrochener Lanze und verbundenen Augen dargestellt. Auf einem Bild aus Florenz ist beispielsweise die Weigerung der Juden, Christus als Messias anzuerkennen, in Szene gesetzt. Juden lästern den Herrn und wollen keine Gemeinschaft mit Christen, lautet kurz und bündig die Aussage dieses Bildes.

Ohnehin bediente man sich im Zeitalter der Kreuzzüge, als die zeitgenössische Judenschaft mit den "Mördern Christi" auf gefährliche Weise identifiziert wurde, sowohl in den sogenannten Passionsspielen als auch in der darstellenden Kunst vulgärer Darstellungen. Als die Feindseligkeiten gegen das Judentum dann offen zum Ausdruck kamen, steigerte sich die Gehässigkeit in den Abbildungen der Synagoga. Die historische Entwicklung verlief indessen keineswegs gradlinig. In der staufischen Klassik,im 13.Jahrhundert, kam es zu einer kurzen Wiederbelebung der Idee der Concordia zwischen Synagoga und Ecclesia, etwa in der monumentalen Portalplastik französischer Kathedralen, an deutschen Bischofskirchen,am Doppelportal der Südseite des Straßburger Münsters, am Fürstenportal des Bamberger Doms und an der Liebfrauenkirche zu Trier. Die Hoheit und Ebenbürtigkeit beider Figuren verdanken sich dem Stil der Monumentalkunst des 13.Jahrhunderts sowie der Einstellung der Staufer zu Juden. Aber als "Verblendete" tritt die Synagoga auch hier auf.

In anderen Darstellungen drückt sich die Hoffnung auf Bekehrung der Juden zum Christentum aus, zum Beispiel auf der Miniatur einer Apokalypse-Handschrift des 13.Jahrhunderts. Eine göttliche Hand, die vom oberen Rand her ins Bild ragt, nimmt den Schleier vom Angesicht der Synagoga. Die Unterschrift lautet:"Synagoga, die du bisher blind die Vorzeichen des Gesetzes nicht gesehen hast, komme zum Glauben und zur unmittelbaren Schau." In anderen christlichen Darstellungen ist die Hoffnung auf Bekehrung aufgegeben, im Passions-Fenster von Chartres schießt ein Teufel, ein Dämon einen Pfeil ins Auge der Synagoga. Es mehren sich die für das Judentum abträglichen Signale. Die Synagoge verliert nun endgültig ihren angestammten Platz in der göttlichen Heilsgeschichte. Die Überschriften der nächsten Kapitel in der Ausstellung und im dazugehörenden Katalog sprechen für sich:Verstoßene Synagoga, verblendete Synagoga, verleumdete und diffamierte Synagoge, verteufelte, geblendete, beschuldigte und schließlich besiegte Synagoga. Auf einigen Bildern steckt die Synagoge im gelben Gewand der Hure, die Thora entgleitet ihr,die Buchstaben darauf sind wirr, durcheinander geraten und nicht mehr zu entziffern. Zu den Anklagen, die das späte Mittelalter auf die Juden häufte, wird auf einem der Bilder die des Landesverrats und der Konspiration mit den Türken hinzugefügt, auf einem anderen die Anschuldigung, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Der Widerstand der Juden gegenüber christlicher Bekehrung und ihre beharrliche Ablehnung hat die Christen, für die es außerhalb ihrer Kirche kein Heil gab, erbittert, und erklärt, aber entschuldigt keineswegs, die Intensität und Brutalität, mit der sie Juden immer wieder verfolgt und getötet, Synagogen geplündert und in Brand gesteckt haben - nicht selten mit Billigung der Bischöfe.

Der Antagonismus zwischen den beiden Glaubensverterinnen wächst weiter. Auf einigen Bildern wird die Synagoge mit Gewalt an den rechten Bildrand gedrängt. Sie erscheint als altes Weib, einfach gekleidet, barhäuptig, ihr langes Haar hängt ungepflegt bis auf die Brust herab. Während Ecclesia, jugendlich, von strahlender Schönheit, ihre Erhebung in den Himmel erfährt, wird die andere verstoßen, erniedrigt, besudelt und in die Gosse gezogen. Ecclesias Erwählung korrespondiert die Verstoßung der Synagoga. Auf einigen Bildern wird diese in den Höllenschlund gestoßen. Sie liegt am Boden, taucht als Allegorie des Unglaubens auf oder wird der Mittäterschaft am Tode Christi beschuldigt, obwohl es doch die Römer waren, die Jesus als Rebellen gekreuzigt haben. Der Darstellung der christusmörderischen Synagoga entspricht auf manchen Bildern die Darstellung eines synagogenmörderischen Christus. Im 14.Jahrhundert wird die Synagoge mit einem Turban bekleidet, um anzuzeigen, dass Juden nicht zum europäischen Kulturkreis gehören, oder sie erhält als Zugabe einen blutenden Bockskopf, das Zeichen eines ausschweifenden Lebens. Mitunter werden Szenen dargestellt, die gar nicht stattgefunden haben, aber zur Ablehnung der Juden massiv beitragen. Während Ecclesia auf einem Pferd mit Schild und eingelegter Lanze reitet - zu sehen in einer Turnierszene an einer Chorstuhlwaage des Erfurter Doms Anfang des 15.Jahrhunderts, - reitet Synagoga, mit einem Judenhut bekleidet, auf einer Sau und wankt getroffen. Auf einem anderen Bild liegt sie in einem Sarg. unmissverständlich heißt hier die Botschaft: die Zeit der Synagoge, sprich des Judentums, ist abgelaufen. Und als sich dann die theologischen Konturen zunehmend verlieren und psychologischen und moralischen Kategorien Platz machen, als sich dabei abstrakte Vorstellungen und theologische Ideen in menschliche Charaktere und in persönliche Schicksale verwandeln und der Enttheologisierung die moralisch diffamierende Entmenschlichung der Juden folgt bis hin zum gesellschaftlichen Negativ-Symbol schlechthin, werden Juden gänzlich ort- und heimatlos. Damit öffnet sich ein weiterer Kontinent an Diskriminierungsmöglichkeiten. Ecclesia werden nun die Treue, das Leben, die Gnade, die Tugenden und Synagoga entsprechend die Untreue, der Tod, das Gesetz, die Laster zugeordnet.

Kleine Lichtblicke der Hoffnung haben die Veranstalter an den Schluss der Ausstellung gesetzt: ein Bild aus Brügge aus der Mitte des 13.Jahrhunderts, auf dem ein friedlich wirkender Disput zwischen Petrus und dem mit einem Judenhut bekleideten Moses zu sehen ist. Aber erst heute, nach sechshundert Jahren, scheint die Zeit gekommen zu sein für einen ernsthaften und fairen Gedankenaustausch mit gegenseitiger Anerkennung und Akzeptanz der Differenzen. Am Königsportal von Bamberg um 1230 wiederum stehen auf den Schultern der Propheten die Gestalten der Apostel. Die zwei Gruppen verkörpern die Gesamtheit und die Einheit der Heilsgemeinschaft aus den beiden Testamenten. Fallen die Propheten, fallen die Apostel,so lautet die Erklärung des Religionspädagogen Professor Herbert Jochum aus Saarbrücken, der die Ausstellung konzipiert und eröffnet hat. Juden und Christen brauchen einander und können aufeinander nicht verzichten, wenn der eine fällt, fällt der andere auch, Christen stehen auf den Schultern des Judentums wie die Propheten auf den Söhnen Abrahams.

Unverkennbar erinnert dieses Bild daran, dass,wie der jüdische Historiker Raphael Straus(1887-1947)einmal gesagt hat, die christliche Tradition nicht christlich, sondern jüdisch und christliches Bewusstsein im Judentum tief verwurzelt sei. Das Christentum sei dem Judentum auf alle Zeit schon allein dadurch unlösbar verbunden, betonten auch Pinchas Lapide und andere jüdische Gelehrte, dass Jesus einmal ein jüdischer Fischer, seine Mutter eine jüdische Zimmermannsfrau und seine Propheten jüdische Männer waren und die heilige Schrift und Lehre jüdischen Ursprungs ist. Der christliche Glaube würde ohne das Judentum gar nicht existieren. Christliches Selbstverständnis sei mithin unaufgebbar an die theologische Anerkennung des Judentums gebunden. Juden können sagen, wer sie sind, ohne sich auf das Christentum zu beziehen. Christen können dagegen bei der Definition ihres Selbstverständnisses das Judentum nicht ausklammern, sondern bleiben auf dieses angewiesen.

Um so verhängnisvoller hat es sich ausgewirkt, dass das Christentum nicht nur seinen jüdischen Ursprung vergaß oder bestritt, sondern dass die Kirche allzu oft die Judenfeindschaft schürte, die später dem sozialen und im 20. Jahrhundert dem rassistischen Antisemitismus mit seinen entsetzlichen Auswüchsen den Boden bereitet hat. Sogar noch nach dem nationalsozialistischen Völkermord der Juden haben sich viele Christen lange geweigert, die jüdische Herkunftsgeschichte des Christentums anzunehmen. Dies geschah noch 1980 bei einem Seminar, wie Jochum berichtete, so dass Johann Baptist Metz nicht umhin gekommen sei, den Teilnehmern eine gewisse Verblüffungsfestigkeit zu bescheinigen. Sogar der ikonographische Antijudaismus hat den Holocaust überdauert, denn das alte Bildschema von der besiegten Synagoge ist bis in unsere Tage tradiert worden, zu sehen am 1953 errichteten Hochaltar im Stefansdom zu Passau wie auch an einem 1991 erbauten Ambo in der Münster-Basilika in Mönchengladbach.

Trotz mancher Schönheitsfehler, man denke nur an den durch polnische Katholiken ausgelösten Streit um die Gedenkstätte Auschwitz,an die jüngste halbherzige Verurteilung des Antisemitismus und die nicht minder halbherzige Schulderklärung des Vatikans, mit der erstmals offiziell eingestanden wurde, dass ein Teil der Christen sich nicht entschieden genug gegen die Judenverfolgung der Nazis gewehrt habe, hat es von beiden christlichen Kirchen schon viele ermutigende Schritte gegeben. Hier einige Meilensteine auf dem Wege der Versöhnung: das Stuttgarter Schuldbekenntnis evangelischer Christen 1945, die Streichung des berüchtigten Wortes aus der katholischen Karfreitagsliturgie: "Oremus et pro perfidis Judaeis"(lasset uns auch für die treulosen, unredlichen, ungläubigen Juden beten)durch Papst Johannes XXIII. im Jahr 1959, das II.Vatikanische Konzil in den frühen sechziger Jahren, der symbolträchtige Besuch der Großen Synagoge Roms von Johannes Paul II. im April 1986, die Ernennung eines palästinensischen Priesters aus Nazareth zum Patriarchen von Jerusalem durch den Vatikan 1988 nach Ausbruch der Intifada, die Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan am 30.12.93 und anderes mehr.

"misst man den Stand der Dinge an dem, was war,ist viel geschehen", schreibt Gerhard Czermak in seinem 1989 erschienenen Buch "Christen gegen Juden"und fügt hinzu: "misst man ihn an dem,was nach über vierzig Jahren sein müsste, so ist es wenig." Das gilt auch noch heute - mehr als zehn Jahre später.

Was aber können Christen von Juden lernen? Das Ernstnehmen der biblischen Botschaft,meinte Franz Rosenzweig, zudem zwinge "das Dasein des Juden.. dem Christentum in aller Zeit den Gedanken auf, dass es nicht bis ans Ziel, nicht zur Wahrheit kommt, sondern stets - auf dem Weg bleibt." Ecclesia, beauftragt mit der Weltverantwortung, läuft Gefahr, sich an die Welt zu verlieren, die Synagoge aber bewahrt für die Christen, so Moltmann, die Kraft des Geistes auf und einen messianischen Impuls. Für Franz Rosenzweig waren Synagoge und Kirche durchaus gleichberechtigte Institutionen mit gemeinsamen historischen und sprachlichen Wurzeln. Denn vor Gott, so der jüdische Religionsphilosoph in "Stern der Erlösung", sind beide "Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk. Er kann keinen entbehren." Levin Goldmann und Pinchas Lapide sprechen in diesem Zusammenhang von heimatgeschichtlich Arbeitsteilung.

Was ist zu tun: dem Ersten Testament sein Recht lassen, mahnte Jochum in einem Vortrag im Rahmen der Arnsberger Ausstellung, dieses verstehen und so lesen, wie es gemeint ist, wie Jesus mit ihm umgegangen ist und Juden es heute noch lesen. Juden und Christen haben die Pflicht, das Wort Gottes nicht nur zu bekennen, sondern sich auch danach zu richten. Der während der Nazizeit nach Palästina emigrierte Raphael Straus beschwor in den dreißiger Jahren das Bild der Nachbarschaft, die Nähe von Judentum und Christentum und ihre "historische Schicksalsgemeinschaft" insbesondere gegenüber der damaligen Zerstörung jeglicher Ethik und Humanität.

Zu den Kernelementen des jüdischen Glaubens gehört bekanntlich die Erwartung des Messias, Jesus ist für Juden ein Gesalbter, aber kein Messias, darin besteht der entscheidende Unterschied zwischen Juden und Christen, den beide akzeptieren müssen, damit der Dialog möglich wird. Bei der Ausstellung mag sich dem ein oder anderen Betrachter die Frage aufgedrängt haben: wie wirkt auf Juden die christliche Interpretation und Sichtweise der Synagoge in der Kunst? Selbst mit den an und für sich freundlichen Darstellungsarten der Synagoge, die unter der Idee der Concordia entstanden sind, auf denen sich Ecclesia als Nachfolgerin und Vollenderin der Synagoge fühlt, ihr aber letztlich die Anerkennung der Gleichberechtigung versagt, dürften Juden kaum einverstanden sein.

Man vergleiche nur einmal die christlichen Bilder, auf denen Synagoge und Thoratafeln geschmäht werden mit Bildern des jüdischen Künstlers Marc Chagall, auf denen zum Beispiel Moses die Thoratafeln ehrfurchtsvoll aus den Händen Gottes empfängt. Manchmal freilich haben Juden sich auch gewehrt und auf christliche Interpretationen und Unterstellungen reagiert. Davon zeugt in einem jüdischen Gebetbuch aus dem 13.Jahrhundert eine seltsame Illustration - abgebildet in dem Band "Die Juden in Deutschland" von Nachum T.Gidal-, auf der die Rolle der Kirche und die der Synagoge satirisch vertauscht sind: Hier trägt die Kirche,erkennbar an Krone und übergroßen Verzierungen in Kreuzform, eine Binde, während die körperlich sichtlich kleinere Synagoge vor ihr steht. So sehr die Juden rechtlich und sozial unterdrückt wurden, so bestanden sie doch theologisch, ebenso wie Christen und Muslime, auf religiöser Superiorität. "In der Überzeugung, die einzig wahren Monotheisten zu sein, nahmen sie das Los einer auch religiös gedemütigten Synagoge nie hin. Die Kirche aber konnte ihren Anspruch auf religiöse Superiorität mit den Mitteln weltlicher Macht durchsetzen, jedenfalls soweit es sich um die weltlichen Konsequenzen handelte."


auf uhomann@UrsulaHomann.de Impressum Inhaltsverzeichnis