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Emanzipation - Assimilation

Mit der Niederlage Napoleons hatte die Gleichberechtigung der hessischen und nassauischen Juden somit ein vorläufiges Ende gefunden. Gleichwohl blieb die Frage nach der künftigen Rechtsstellung der Juden auf der politischen Tagesordnung und wurde in der nassauischen und kurhessischen Regierung in den folgenden Jahren immer wieder lebhaft erörtert. Durch die französische Julirevolution 1830 geriet in Kurhessen die Gleichberechtigung der Juden erneut stärker in die öffentliche Diskussion. Aber die antijüdischen Vorbehalte sind dennoch nie völlig verstummt, weder bei Behörden, bei der Landbevölkerung noch im Landtag. Nicht wenige Abgeordnete erwarteten von den Juden als Vorleistung für ihre Gleichstellung die völlige Bereitschaft zur Assimilierung, teilweise sogar den Verzicht auf religiöse Grundsätze oder zumindest die Verlegung der Sabbatfeier auf den Sonntag. In einigen Landstädten und Dörfern Kurhessens kam es, wie in Hofgeismar, zu exzessartigen Straßenkrawallen gegen die jüdischen Einwohner. Die meisten von ihnen flohen vorübergehend nach Kassel oder Karlshafen. Nicht einmal das Emanzipationsgesetz von 1869 bereitete den Judenverfolgungen ein Ende. Wenig später kam im hessischen Raum ein neuer Antisemitismus auf, in deren Fahrwasser der Marburger Reichstagsabgeordnete Otto Böckel die Forderung erhob, Juden unter "Fremdenrecht" zu stellen.

Der mühsam erreichten Emanzipation und Gleichstellung der Juden folgte die Assimilation etlicher Juden. Manche wollten nur noch als Deutsche gelten und bemühten sich, ihre religiösen und kulturellen Besonderheiten zu verbergen. Vor allem in Kassel ließ sich die Gemeinde mehr und mehr von liberalen Ideen leiten. Man ging dazu über, Gebete und Predigten in deutscher Sprache abzuhalten. Die Rabbiner trugen Talar und Bäffchen und waren in ihrer Amtstracht von protestantischen Geistlichen kaum noch zu unterscheiden. Als indessen eine Orgel in der Synagoge eingebaut und 1872 in Gebrauch genommen wurde, war für einige Juden das Maß voll. Es kam zur Abspaltung einer konservativ-orthodoxen Gruppe, die 1898 eine eigene Synagoge mit 200 Plätzen bezog. Die Große Synagoge bot dagegen Platz für 300 Beter und auf den Emporen für 340 Beterinnen. In anderen Gemeinden bildeten sich ebenfalls separate Synagogengemeinden, sogenannte Austrittsgemeinden, die sich "Adaß Jisroel" oder "Adaß Jeschurun" nannten, so auch in Frankfurt unter Rabbiner Samson Raphael Hirsch.

In der Mainmetropole haben vor allem die dort ansässigen Juden mit dafür gesorgt, dass aus der protestantischen Krönungsstadt eine richtige Weltstadt wurde. Allein auf die Aktivitäten eines einzigen Juden gingen die Gaswerke, der Hauptbahnhof, das Opernhaus, der Palmengarten und das Hotel "Frankfurter Hof" zurück. Auch andere vermögende jüdische Familien errichteten repräsentative Bauten. Insbesondere am Mainufer entstanden klassizistische Wohnhäuser, die den Anspruch zahlreicher Juden auf Integration in das Frankfurter Bürgertum sichtbar machten. Manche Juden nahmen Spitzenpositionen ein, die sie weit über die Stadt hinaus berühmt machten. Zu diesen gehörten neben den schon erwähnten Rothschilds die Bankiers Speyer, Oppenheimer, Sulzbach, Wertheimer und Ladenburg. Leopold Sonnemann wiederum gehörte zu den Gründern der Frankfurter Zeitung. Die Universität und das Senckenberg-Museum wurden ebenfalls von Juden gegründet. Der jüdische Bürgermeister Ludwig Landmann baute in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts die ersten Sozialsiedlungen. Rund um den Zoo wohnten dagegen überwiegend fromme Juden, die durchweg der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft angehörten. Während der Zeit der Aufklärung wurden ferner reformierte jüdische Schulen gegründet, von denen eine, nämlich das 1804 eröffnete Philanthropin, bis 1942 bestand.

Auch andere hessische Städte haben ihrer jüdischen Bevölkerung viel zu verdanken. Bad Nauheims Blütezeit als Badestadt im Zeitraum von 1890 bis 1933 geht auf das Wirken jüdischer Ärzte zurück. Zahlreiche jüdische Hotel- und Pensionsbesitzer sorgten für das Wohl der Gäste. Man schätzt, dass 25 bis 30% von ihnen, die Nauheim alljährlich aufsuchten, jüdische Kurgäste waren. Diese kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem übrigen Europa und aus Übersee. In Nauheim selbst wohnten damals etwa 300 Juden.

In Bad Soden im Taunus bildeten nahezu 50 Juden die zum Rabbinatsbezirk Wiesbaden gehörende Israelitische Kultusgemeinde, Hier gab es seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert die private "Israelitische Kuranstalt für Lungenkranke". Die Wiesbadener Judengemeinde hingegen unterschied sich in ihren historischen Wurzeln grundlegend von den sie umgebenden Traditionsgemeinden wie Mainz oder Frankfurt. Das heute mondäne Wiesbaden war ursprünglich rein dörflich strukturiert und besaß schon vor dem 18.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde mit Synagoge und Ritualbad, die jedoch lange im Schatten der florierenden jüdischen Gemeinde in Mainz stand. Aber dann kamen Juden aus dem Rheingau, um in der wachsenden und aufblühenden Kurstadt Geschäfte zu machen. Jüdische Badeärzte, Pelzhändler - manche waren auf dem Weg aus dem Zentrum des Rauchwarenhandels Leipzig nach Frankfurt in Wiesbaden hängen geblieben - und Juweliere ließen sich hier nieder. Konflikte zwischen den aus zwei grundverschiedenen Traditionssträngen zugewanderten Juden blieben nicht aus. Während die orthodox geprägten "Landflüchtigen" sich als Kleinbürger etablierten, betätigte sich das liberale, weltoffene Judentum meistens in gehobeneren Berufen. Zunächst bildete sich in Wiesbaden eine Einheitsgemeinde heraus, die alle Juden unter einem Bekenntnis zusammenfasste. Begründet und geleitet wurde diese von dem liberalen Rabbiner Abraham Geiger(1810-1874). Bis 1876 hielt das gemeinsame Bekenntnis alle Juden am Ort zusammen, bis sich dann die erste "Austrittsgemeinde" Preußens abtrennte, nicht zuletzt durch Zuwanderer aus dem Osten, denen die liberale Struktur suspekt war. Immerhin zählte die jüdische Gemeinde Wiesbadens zu ihren Glanzzeiten 3.000 Mitglieder. Das entsprach 2% der damaligen Bevölkerung.

Die rechtliche Gleichstellung der Juden seit Mitte des 19. Jahrhunderts führte auch in Hessen zu einem Schrumpfungsprozess der kleineren Gemeinden. Da die Aufnahmebeschränkungen in Berufe, die bislang ausschließlich Christen vorbehalten gewesen waren, nun wegfielen und die expandierenden Großstädte an wirtschaftlicher Attraktivität gewannen, insbesondere für kaufmännische Berufe, zogen zahlreiche jüdische Familien in größere Städte um, wie etwa von Hofgeismar in das nahe gelegene Kassel, dessen jüdische Einwohnerzahl seit 1861 stetig anstieg. Überdies war mit der Forderung nach Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung der Gedanke entstanden, jüdische Jugendliche "produktiven Berufen" wie Handwerk und Landwirtschaft zuzuführen. Tatsächlich ließ sich eine Anzahl hessischer Juden in Handwerksberufen ausbilden, nicht zuletzt dank der Bemühungen des einflussreichen Bankiers Israel Jacobson, der in Kassel eine "Religions- und Industrieschule" einrichten ließ. Zu den Ausbildungsberufen gehörten Maler, Schneider, Schumacher, Schlosser, Buchbinder, Sattler, Tischler und andere. Die Chancen für eine gesellschaftliche Integration der Juden standen auf lange Sicht nicht schlecht.


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